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Blockchain Technologie

Neue Anwendungsfelder

Bei dem allerersten Projekt, das 2011 noch vor Litecoin Bitcoins Source Code kopiert hat, um etwas Neues damit anzustellen, geht es nicht ums Geld. Hinter Namecoin steckt die Einsicht, dass sich Bitcoins Technologie auch für andere Zwecke nutzen lässt. Dabei ist das dezentrale Netzwerk nur der erste Schritt. Was erstmalig durch Bitcoin ins Spiel gebracht wurde, ist der interne Mechanismus, der ein solches verteiltes System dazu benutzt, ein nicht manipulierbares Buchhaltungssystem zu schaffen. Dieser Mechanismus ist die Blockchain und allgemein handelt es sich dabei um eine Datenbank, die verteilt auf einer Vielzahl von vernetzten Computern vorliegt und erlaubt, Datensätze nach definierten Regeln hinzuzufügen, aber nicht zu ändern oder zu löschen. Die Teilnehmer des Netzwerks übernehmen dabei die Rolle der Hüter der Datenbank und ihrer Regeln. So wird verhindert, dass ein Angreifer das System zu seinem Vorteil manipulieren kann. Das Revolutionäre dabei: Die Teilnehmer sind anonym und kontrollieren sich grundsätzlich gegenseitig. Es gibt dabei keine zentrale Instanz und keine Möglichkeit eines manuellen Eingriffs, um im Zweifelsfall einen Konflikt aufzulösen. Die Blockchain garantiert Korrektheit und Konsistenz der Daten. Namecoin bedient sich der Blockchain-Technologie, um ein dezentrales Namensregister aufzubauen. In dem Begriff „dezentral“ werden die Vorteile von Blockchain-basierten Systemen zusammengefasst. Gemeint ist ein transparentes System ohne Verwalter oder Firma – betrieben durch die anonymen User selber. Das verspricht geringe Kosten, Transparenz und Sicherheit vor Manipulationen aller Art.

Die Idee, die Blockchain als Technologie unabhängig von Bitcoin zu benutzen, kommt gut an. Der Hype ums Kryptogeld wurde mehr als einmal mit der niederländischen Tulpenmanie im 17. Jahrhundert verglichen, doch nun kann ich beweisen, dass ich die Erfindung durchaus verstanden habe, aber deshalb noch lange nicht jeden Quatsch mitmache. Für eine Weile ist das Motto im Silicon Valley: Blockchain statt Bitcoin. Die Technologie wird begrüßt – das Kryptogeld selber rückt in den Hintergrund. Startups bauen Mini-Blockchains und bieten diese großen Firmen als Sandkasten zum Experimentieren an. 2015 starten drei scheinbar völlig unterschiedliche Projekte: In Israel taucht ein Uber-Konkurrent auf. Er heißt La’Zooz und stellt mit einer “decentralized ride sharing app” den Community-Geist in den Vordergrund. Im September tut sich die Schweizer Bank UBS mit mehreren Banken und der Blockchain-Firma Clearmatics zusammen, um ein sicheres und effizientes System zur Abwicklung von Finanzgeschäften zu entwickeln: Ein sogenanntes Settlement-System basierend auf Blockchain-Technologie. Auch die Deutsche Bank ist dabei. Ebenfalls im September startet die Songwriterin Imogen Heap eine Initiative. Sie hat es satt, sich über illegale Kopien ihrer Musik auf der einen und gierige Produktionsfirmen auf der anderen Seite zu beschweren. Mit Blockchain-Technologie soll eine offene Plattform für Künstler und deren Fans entstehen, wo Musik veröffentlicht und verkauft werden kann. Die Grundidee lautet “cut out the middleman”: Mithilfe der Blockchain kann auf Mittelsmänner verzichtet werden. Zumindest prinzipiell – die praktische Umsetzung erfolgt später.

Die Blockchain-Technologie wird mancherorts aber auch auf eine Weise aufgegriffen, die nicht mehr der ursprünglichen Idee entspricht. Konzerne springen auf den Zug auf und wollen Zukunftsgeist beweisen. Bei einigen Projekten zeigt sich aber die Notwendigkeit für Kompromisse. Ein konsequent dezentrales Netzwerk im Bitcoin-Stil ist eigentlich viel zu aufwendig. Bitcoin ist robust, aber Bitcoin ist auch ressourcenintensiv, langsam und überhaupt nicht flexibel. Überhaupt ist Bitcoins unbedingte Sicherheit gegen Attacken im Konzernumfeld wenig gefragt. Die meisten dieser Blockchain-inspirierten Projekte lassen sich als kleine, nichtöffentliche Netzwerke umsetzen. Auch gibt es nicht die unbedingte Notwendigkeit, auf einen zentralen Server zu verzichten. Daraus entsteht das Konzept der privaten Blockchain als maßgeschneiderte Lösung für diese neue Nachfrage. Die Teilnehmer in so einem geschlossenen Netzwerk sind nicht anonym. Auf Sicherheit und Kontrolle kann zugunsten von Leistung und Flexibilität verzichtet werden. Doch was hat so eine private Blockchain noch mit der ursprünglichen Idee gemein? Wer sich mit Datenbank-Technologie auskennt, sieht bloß alten Wein in neuen Schläuchen. Anlass für einen Skandal gibt es deswegen nicht. In den Internet-Foren höhnen aber die Krypto-Enthusiasten: “Blockchain outside Bitcoin is BS [Bullshit]”, es gäbe nur eine Blockchain, die den Namen verdient hat, und das sei Bitcoins Blockchain.

Doch es gibt auch die anderen Projekte. Dort wo es um öffentliche, dezentrale Netzwerke geht, gibt es die Versuchung der privaten Blockchain nicht. Diese dezentralen Anwendungen im eigentlichen Sinne leiden genauso darunter, dass Bitcoins Blockchain ressourcenintensiv, langsam und nicht flexibel ist. Einigen Anwendungen gelingt es, eine Kryptowährung in die Idee mit einzuweben und den für Kryptogeld etablierten Finanzierungsweg zu gehen. In dem Stil entsteht das soziale Netzwerk Steemit: Wenn hier auf „gefällt mir“ geklickt wird, fließt Geld – und zwar das eigens dafür geschaffene Kryptogeld namens Steem. Die interne Währung dient hier dazu, guten Content zu belohnen und sich für seine eigenen Beiträge mehr Gehör zur verschaffen. Ein anderer Ansatz für eigene dezentrale Projekte ist, die existierende Blockchain von Bitcoin für sein Projekt mitzuverwenden, um zumindest die Ressourcen zu sparen, die der Betrieb einer unabhängigen Blockchain verlangt. Wird aber Bitcoins Blockchain mitbenutzt, muss wiederum auf Flexibilität verzichtet werden. So bleiben viele Ideen und Projekte auf der Strecke, bis im Juli 2015 Ethereum live geht und eine kleine Revolution innerhalb der Kryptowelt stattfindet.

Eine dezentrale Plattform

Schon Ende 2013 sieht der damals 19 Jahre alte Programmierer Vitalik Buterin den Bedarf nach einer flexiblen Plattform für dezentrale Anwendungen aller Art. Der Vorschlag, Bitcoin entsprechend auszubauen, findet nicht genug Anklang und schnell bildet sich ein Team, das ein unabhängiges Projekt ins Leben ruft. Der Altcoin Ethereum entsteht und die Vision nimmt Fahrt auf. Während sich das Projekt noch in der Entwicklungsphase befindet, wird die Stiftung Ethereum in der Schweiz gegründet und ein Crowdsale findet statt: Wer an Ethereum glaubt, kann sich im Vorverkauf Ether sichern – Ethereums interne Währung. Über 18 Millionen US-Dollar werden so von Investoren und Privatpersonen eingesammelt. Unter Zuhilfenahme Schweizer Anwälte wird sichergestellt, dass der Crowdsale auch formaljuristisch korrekt abläuft und die weitere Entwicklung des Projekts wird mit Blog-Artikeln und technischen Veröffentlichungen umfassend dokumentiert.

Ethereum ist nicht der typische Altcoin. Am 30. Juli 2015 geht das System live und der Welt steht etwas Neues zur Verfügung. Die Details sind Thema für später, hier nur so viel: Ethereum erweitert die Idee des Kryptogeldes um sogenannte „smart contracts“ – dabei handelt es sich weniger um Verträge als vielmehr um dezentrale Programme. Jeder kann einen solchen smart contract schreiben, um seine eigene dezentrale Anwendung zu starten, die dann Ethereums Blockchain benutzt. Jetzt sind auch diejenigen Blockchain-Projekte realisierbar, bei denen es nicht um Geld gehen soll – oder nicht nur. Die oben erwähnte Künstlerin Imogen Heap bietet das Lied „Tiny Human” über Ujo Music an, powered by Ethereum.

Ein anderes Projekt, das im April 2016 auf der Ethereum-Blockchain startet, ist Slock.it. Die Idee: Durch intelligente Schlösser – Smart Locks – soll ich Zugriff auf Autos, Wohnungen, Büros oder Schließfächer erhalten, indem ich diese für einen bestimmten Zeitraum auf einer Online-Plattform reserviere – und mit den anderen Usern teile. Das nennt sich die Sharing Economy und AirBnb ist hierfür ein bekanntes Beispiel – beschränkt auf Wohnungen. Je einfacher und zuverlässiger die Plattform funktioniert, desto mehr kann ich nutzen, ohne selber zu besitzen. Mit Ethereum soll die Technologie den nächsten Schritt schaffen. Die Vision von Slock.it ist das Universal Sharing Network.

Möglicherweise unvorhergesehen erlebt mit Ethereum auch der Altcoin-Hype eine zweite Blüte, denn ich kann die Ethereum-Plattform auch benutzen, um nach dem bekannten Prinzip eine neue Kryptowährung ins Leben zu rufen. Anstatt eine neue Blockchain zu starten, muss ich nur den entsprechenden Smart Contract schreiben. Ein solcher Altcoin heißt dann ein „Token“ auf der Ethereum-Blockchain. Der Prozess ist simpel und schnell und bekommt einen eigenen Namen: Initial Coin Offering oder ICO, der englischen Bezeichnung für einen Börsengang, Initial Public Offering, nachempfunden. Für diese ICOs scheint unerschöpfliches Kapital zur Verfügung zu stehen. Über 50 ICOs finden jeden Monat statt. Ethereum bleibt nicht lange allein in dem Geschäft – weitere Plattformen im selben Stil werden entwickelt, ca. die Hälfte der ICOs werden aber noch über Ethereum abgewickelt. Die drei finanziell erfolgreichsten ICOs im Jahr 2017 sind Filecoin, Tezos und Bancor mit 257 Millionen US-Dollar, 232 Millionen US-Dollar und 153 Millionen US-Dollar. Der Ablauf eines ICOs ist hektisch: Filecoin sammelt die ersten 138 Millionen US-Dollar innerhalb einer Stunde ein. Das, obwohl die Teilnahme auf akkreditierte Investoren beschränkt war. Was ist Filecoin eigentlich? Die Investoren haben mit dem Filecoin-Token keine Firmenanteile erworben. Filecoin will ein dezentrales Speicher-Netzwerk aufbauen. Über Internet wird dem User Festplattenspeicher, der auf anderen Geräten brachliegt, zur Verfügung gestellt: eine Dropbox-Variante mit Blockchain-Technologie. Das Filecoin-Token soll eines Tages den Usern ermöglichen, für den Cloud-Speicher zu bezahlen. Dropbox hat seinerzeit auch Funding in Höhe von über 250 Millionen US-Dollar erhalten, wenngleich etwas mühseliger.

Ausblick

Fabian, bei dem ich im Dezember 2013 eine Kürbissuppe gekauft habe, hat sein Catering-Business inzwischen ausgebaut. Eine Zeitlang betreibt er auch ein veganes Restaurant, in dem er weiterhin Bitcoin akzeptiert. Für die 5 Tausendstel eines Bitcoins, die ich damals bezahlt habe, bekomme ich dort dank des Preisanstiegs heute ein gemütliches Dinner für zwei – je nach Tageskurs reicht es sogar für den Rotwein. Doch ist Zahlung per Bitcoin bald überall die Regel? Hat Kryptogeld allgemein Zukunft?  Werden Regierungsfunktionen eines Tages durch dezentrale Anwendungen ersetzt?

Angesichts von spektakulären Kursgewinnen auf der einen Seite und lautstarken Warnungen auf der anderen Seite ist es wichtig, das Augenmerk auf die richtigen Fragen zu lenken. Was ist die Substanz hinter den jüngsten Entwicklungen um Kryptogeld? Genau diese möchte ich herausarbeiten und verständlich machen und dabei auch den Schwächen und Problemen der neuen Technologie gerecht werden. Die Grundlage für ein Urteilsvermögen zu Kryptogeld in all seinen bestehenden Varianten ist das Verständnis der technischen Funktionsweise. Ich möchte zeigen, dass sich Kryptogeld als globale Währung eignen wird und dass die Konsequenzen gewaltig sein werden. Die Eigenheiten des neuen Geldes dürften zur Folge haben, dass sich Kryptogeld neben konventionellem Geld etabliert – ohne es jedoch vollständig zu ersetzen. Die Bedrohung für Zentralbanken ist trotzdem real, denn diese sind keine Konkurrenz gewohnt.

Möglicherweise weniger politisch, aber nicht weniger dramatisch wird sich der Einzug der dezentralen Anwendungen in Industrie und Alltag gestalten. Die Bedingung dafür ist die Digitalisierung der Wirtschaft und unseres Lebens, die durch die erweiterten Möglichkeiten erneut Aufwind erfährt. Wir erleben erst den Anfang dessen, was durch Blockchain-Technologie erstmals möglich wird.

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