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Das kommerzielle Internet

Das World Wide Web

1989 wird der Webbrowser und das World Wide Web erfunden. Was heute gemeinhin als „das Internet” bezeichnet wird, ist in Wirklichkeit nur eine Anwendung darin. Das Internet ist das zugrundeliegende Netzwerk, das jedem angeschlossenen Gerät eine Adresse zuweist. Diese Adresse heißt IP-Adresse oder kurz IP (für Internet Protocol) und sieht z.B. so aus: 186.31.96.39. Die IP-Adressen sind die Telefonnummern des Internets. Damit ich mir aber nicht diese Zahlen merken muss, existiert das Domain Name System, DNS, das integrierte Telefonbuch des Internets. Dank DNS erreiche ich Services im Internet über ihren Namen: Mit „google.com”, „ccc.de” oder „wikipedia.org” komme ich ans Ziel.

Neben dem Usenet existiert nun das World Wide Web als die nächste große Anwendung des Internets – seit 1993 mit bunter Grafik. Nach und nach erobern Firmen die neue Welt mit ihren Homepages. Der genaue Mehrwert der Homepages ist anfangs nicht vollständig klar. Es gibt Nachrichtenseiten, Produktinformationen, Werbung und die ersten Suchmaschinen. Es entstehen aber auch Online-Anwendungen, die mehr leisten, als nur Informationen zur Verfügung zu stellen: 1995 verkauft die Online-Buchhandlung Amazon ihr erstes Buch, im gleichen Jahr wird eBay gegründet. Banken sind sich sicher, dass Online-Banking die Zukunft ist. Bis die Kunden davon auch überzeugt sind, vergehen aber noch einige Jahre.

Das World Wide Web folgt einem anderen Aufbau als das Usenet. Das Usenet war eine Plattform für User Content mit einer verteilten Infrastruktur – ohne klare Zuordnung der Verantwortlichkeiten. Im World Wide Web betreibt dagegen eine Firma aus der realen Welt ihren Server mit ihrer eigenen Website und stellt dort die Informationen ihrer Wahl zur Verfügung. Im Usenet wehte der Geist der Revolution: Alles kam aus der Community, alles gehörte der Community. Der virtuelle Raum im Web ist dagegen klar eingeteilt: Es gibt Besitz, Geschäft, Profit.

Das heißt auch: Mit dem Internet können nun Gewinne gemacht werden. Es wird Teil des Marktes und entfaltet eine ungeheure wirtschaftliche Dynamik, die von Visionären als New Economy angepriesen wird. Doch anstelle einer Welt jenseits industrieller Massenfertigung mit individualisierter Warenproduktion und web-basierten Dienstleistungen, gibt es den New-Economy-Hype und die Dotcom-Blase. Im spektakulären Börsengang des deutschen Halbleiterherstellers Infineon am 13. März 2000 ist die Nachfrage nach den Aktien so groß, dass das Handelssystem der Frankfurter Börse in die Knie geht. Wenig später kehrt sich der Trend um: Eine Reihe innovativer Technologie-Firmen floppt und geht in die Insolvenz – in den USA und auch in Deutschland. Panikverkäufe folgen. Die unter Kleinanlegern beliebte Telekom-Aktie fällt innerhalb von zwei Jahren von 100 Euro auf 10 Euro. Das Internet hat die ökonomischen Grundregeln nicht außer Kraft gesetzt. Trotz des Dämpfers gibt es keinen Grund, die wirtschaftliche Bedeutung des Internets kleinzureden. Nach der Korrektur geht das Wachstum in hohem Tempo weiter. Alphabet Inc., Googles Mutterkonzern, kämpft heute mit Apple Inc. um den ersten Platz als höchstbewertetes Unternehmen der Welt.

Eine jüngere Entwicklung im kommerziellen Internet hat zu dem geführt, was eine Zeit lang „Web 2.0“ genannt wurde. Das Web wird nun interaktiv, die Bedeutung von User Content wird wiederentdeckt. Obwohl sich an der grundsätzlichen Struktur des World Wide Web nichts geändert hat und weiterhin profitorientierte Unternehmen die Server betreiben, werden nun Plattformen populär, auf denen die User den Inhalt gestalten: YouTube, Facebook, Twitter bilden das, was nun social media genannt wird. Und es sind die Firmen, die fleißig verwerten, was die User bereitwillig preisgeben. Die Profite finanzieren die notwendigen Ressourcen, um überwältigende Online-Dienstleistungen scheinbar kostenlos zur Verfügung zu stellen. YouTube alleine speichert ca. 400.000 Terabyte User Content und bietet dem User großzügig an, mit seinen Videos noch Geld zu verdienen. GoogleMail, Dropbox und Whatsapp hätten wohl nicht funktioniert, hätten sie ihren Service dem verwöhnten User nicht kostenlos angeboten. Ein weiteres Mal ist die Ansage deutlich: Datenschutz ist egal. Doch der Staat hört mit: Durch das vom US-amerikanischen Geheimdienst NSA gestartete Überwachungsprogramm PRISM stehen die privaten User-Daten von Google, Facebook und Microsoft prinzipiell längst eifrigen Staatsdienern zur Verfügung. Wenn sich jemand auf Facebook über Eingriffe in die Privatsphäre beklagt, kann ein Cypherpunk darüber eigentlich nur den Kopf schütteln. In gewissen Nischen halten sich trotzdem erfolgreich kostenpflichtige Services mit dem Versprechen, das Vertrauen der User nicht zu missbrauchen. So existiert mit FastMail eine Alternative zu GoogleMail, die die User-Daten nicht kommerziell auswertet, und das soziale Netzwerk „Diaspora“ erlaubt es dem User – anders als Facebook – seine Daten komplett auf seinem PC zu Hause zu behalten.

Wikipedia

Unter den Entwicklungen des “Web 2.0” sticht Wikipedia heraus. Die Website wird von der Wikimedia Foundation als gemeinnütziges Projekt betrieben. Das längst erreichte Ziel: eine freie Enzyklopädie. Wikipedia ist nicht nur sicher weltweit unter den Top 10 der meistbesuchten Websites etabliert, sie ist auch die einzige nicht-kommerzielle Website in den Top 50. Die Wikipedia wurde schnell als Jeder-darf-mitmachen-Projekt bekannt und bis heute hält sich die Kritik: Da kann ja alles Mögliche drinstehen! In der sachlichen Variante: Wikipedia ist keine verlässliche Quelle. Und es stimmt grundsätzlich: Die Artikel sind nicht geschützt. Jeder, der will, kann sich komplett anonym als Autor versuchen, Änderungen vornehmen, Absätze löschen oder neue Artikel verfassen. Es tauchen Dinge auf wie Vandalismus, Falschinformationen, mangelhafte Recherche und einseitige Darstellung. Der Kritiker muss sich aber auch die Gegenfrage gefallen lassen: Sind derart mangelhafte Artikel denn charakteristisch für die Wikipedia? Tatsächlich zeichnen sich viele Einträge durch einen erstaunlich hohen Qualitätsstandard aus. Die überwältigende Anzahl guter Artikel macht die Wikipedia so groß und bedeutsam, dass die konventionellen Enzyklopädien mit professionellen Redaktionen überflüssig geworden sind. Wissen steht in vorher unerreichtem Umfang frei zur Verfügung.

Um den Erfolg der Wikipedia zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Regeln, die beim Verfassen von Artikeln eine Rolle spielen. Das erste Missverständnis: Es gäbe beim Verfassen von Artikeln auf Wikipedia überhaupt keine Regeln – alles sei erlaubt. Das zweite Missverständnis: Es gäbe fest vorgegebene Regeln, die von einer geringen Anzahl an Administratoren durchgesetzt würden. Die Wahrheit liegt dazwischen.

Ich lege einen neuen Artikel in der Wikipedia an. Titel: „Ruben Moor”, über mich selbst und meine Verdienste als Autor. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werde ich lernen müssen, dass ich „nicht enzyklopädisch relevant” bin. Schnell ziert ein sogenannter Löschantrag den neu angelegten Artikel. Damit beginnt die Löschdiskussion – eine Diskussion im Wikipedia-Stil: Jeder darf sich beteiligen. Da die Behauptung lautet, ich verdiente keinen eigenen Wikipedia-Artikel, ist es an mir, Gegenargumente anzuführen: dass ich eben doch relevant bin. Die Diskussion ist prinzipiell ergebnisoffen – denn wer auch immer mich löschen wollte, kennt mich ja noch gar nicht. Allerdings bleibt es nicht dabei, dass ich mich eben relevant finde und jemand anders nicht: Aus der Geschichte der Diskussionen in der Wikipedia sind klare Kriterien hervorgegangen. Hätte ich beispielsweise vier Sachbücher in einem regulären Verlag veröffentlicht, wäre ich für die Wikipedia relevant. Nun lässt sich die Diskussion abkürzen: Es wird objektiv nachvollziehbar, unter welchen Umständen mein Artikel bleiben darf, und ich weiß ich schon, wann ich es noch einmal versuchen sollte.

Die Relevanzkriterien kommen nicht vom Wikipedia-Gründer Jimmy Wales oder sonst einer Autorität. Sie waren noch nicht da, als die Wikipedia angefangen hat. Die Community hat sich im Laufe der Zeit selbst Regeln auferlegt. Die deutschsprachige Wikipedia wendet striktere Relevanzkriterien an als z.B. die englischsprachige. Die Regeln sind organisch aus vergangenen Diskussionen entstanden, die von den Usern konstruktiv geführt wurden und zu einem Ergebnis gekommen sind. Sie dokumentieren den Konsens der Wikipedia-Community. Natürlich kann ein User immer noch gegen die Regeln verstoßen, Diskussionen anzetteln oder sich schlicht destruktiv verhalten. Erst hier greifen die Administratoren ordnend ein, die über die Rechte verfügen, Artikel zu löschen, für das Editieren zu sperren oder auch User zu blockieren. Diese Admins sind aber keineswegs die wohlwollenden Diktatoren der Wikipedia: Ihre Aufgabe ist es, den Community-Konsens umzusetzen. Bei Missbrauch von Adminrechten kommt es zur Adminbeschwerde und über diese wird in einer Diskussion entschieden – im Wikipedia-Stil.

Den Cypherpunks dürfte die Wikipedia gefallen. Hier weht der Geist freier Informationen inmitten des kommerziellen und kontrollierten Internets. Mit dem Ziel, die Enzyklopädie zu schaffen, werden nicht nur Informationen frei zur Verfügung gestellt. Die Idee beflügelt eine weltweite, freiwillige Zusammenarbeit und scheint das Beste aus den Usern herauszuholen. Die Wikipedia ist ein Phänomen: Der Wilde Westen des anonymen Internets gibt sich Regeln. Sollte so etwa die Anarchie eines rechtsfreien Raumes aussehen? Manch einer bemängelt noch den rauen Ton, der in Wikipedia-Diskussionen herrscht. Aber in einer virtuellen Schießerei kommt niemand ums Leben.

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