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Kevin tradet - Ob das mal gut geht ...

TL:DR Kevin will das schnelle Geld. Man kann es mit Trading versuchen, sollte sich aber keine Illusionen machen. Ich erkläre ein paar beliebte Trading-Strategien und welchen Haken es jeweils gibt.

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Hey Kevin, wie ist die Lage?

Mies. Bitcoin ist voll die Verarsche. Ich hab einen Bitcoin für 3600 Euro gekauft und jetzt gerade bei 2500 Euro verkauft. Ich hab 1000 Euro verloren!

1100 Euro, um genau zu sein. Der Kurs schwankt halt, hab ich dir das nicht gesagt?

Was weiß ich. Kann sein. Zwischendurch war der Kurs auch bei 3900 Euro. Wenn ich da verkauft hätte, wäre ich mit 300 Euro plus aus der Nummer gegangen. Das hätte sich schon gelohnt.

Sicher … Kevin, bist du dir eigentlich im Klaren darüber, was du überhaupt tust?

Warte, ich muss hier gerade noch schnell eine Order reinstellen …

OK. Während Kevin fröhlich weitertradet, möchte ich mal ein paar Strategien vorstellen, die vielleicht auf den ersten Blick sinnvoll scheinen und schnelles Geld versprechen, bei näherem Hinsehen aber alle einen Haken haben.

Naive Trading-Strategie Nr. 1: Buy low - sell high

Jeder, der mal Aktien oder eben Kryptogeld gekauft hat, hat anfänglich diese Erfahrung gemacht: Der Kurs steigt und fällt und rückblickend zeichnet sich genau ab, an welcher Stelle ich hätte Kaufen und Verkaufen müssen, um den maximalen Gewinn rauszuholen.

Man schaut dafür im Prinzip nur die Minima (buy low!) und Maxima (sell high!) im Kurs-Chart an. Das Problem: Ich sehe strikt nur im Nachhinein, was ein Minimum und ein Maximum geworden ist. Viele Strategien zielen letztlich darauf ab, die “richtigen” Punkte zum Kaufen und Verkaufen zu erwischen. Ganz grundsätzlich scheitern diese Strategien an der Tatsache, dass sich der Kurs unvorhersehbar entwickelt.

Der Bitcoinkurs steigt übrigens wieder. Ich bin gerade wieder eingestiegen. Wer jetzt nicht kauft, ist echt dämlich! Es geht wieder bergauf.

Und da wären wir bei der …

… naiven Trading-Stragie Nr. 2: Auf den Trend setzen

Ich schaue mir den Kursverlauf an und stelle fest, dass es nach einem Kurssturz oder einer Stagnation wieder aufwärts zu gehen scheint. In der steigenden Flanke sehe ich einen “Trend”, der sich jetzt fortsetzen wird.

Tatsächlich lassen sich in Kurs-Charts beliebiger Märkte solche Trends beobachten. Wenn es über einen langen Zeitraum tendenziell bergauf geht, spricht man von einer Rallye oder einem Bull Run.

Es heißt dann “noch möglichst schnell mitaufspringen” und den Kursanstieg “nicht verpassen”. In Wahrheit gibt es aber zu keinem Zeitpunkt eine Garantie - auch keine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es weiter bergauf geht. Anders als das Wort nahelegt, kann sich so ein Trend jederzeit umkehren.

Gemäß dem Motto buy-low-sell-high gibt es sogar die Strategie bei fallenden Kursen zu kaufen. Man wettet dann darauf, dass der Kurs nur zeitweilig fällt und man zu den glücklichen Leuten gehört, die günstig eingekauft haben, bevor der Trend sich umgekehrt und der Kurs wieder steigt.

Soll ich also bei einem steigenden Trend annehmen, es geht so weiter, und bei einem fallenden Trend, dass der Trend sich jederzeit umkehrt? Wenn man ehrlich ist, gibt es auch Trends eben nur im Nachhinein und die Logik hilft bei der Frage, ob man Kaufen oder Verkaufen soll, nicht wirklich weiter.

Trader halten an dem Konzept aber tendenziell fest und nennen einen steigenden Trend gefolgt von einem Kurssturz eine “bull trap” und einen fallenden Trend gefolgt von einem Anstieg eine “bear trap”.

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Dieses Mal werde ich alles richtig machen. Ich warte einfach bis ich nur ein bisschen im Plus bin und dann steige ich aus. Bei +1%. Das wären dann 25 Euro. Oder sagen wir bei +2%. Vielleicht doch besser bei +5% …

Super Idee, Kevin. Die Frage, wieviel Gewinn man denn mitnehmen will, ist leider nicht einfach zu beantworten und hilft auch nicht dabei gute Entscheidungen zu treffen. Stattdessen ist das die ...

… naive Trading-Strategie Nr. 3: Gewinne realisieren

Das klingt vielleicht erst einmal wie ein guter Rat: Du bist mit deinen Bitcoin-Spekulationen im Plus? Dann verkauf doch jetzt! Gewinne realisieren ist doch nie verkehrt.

Es gibt genau eine Frage, die ich mir stellen muss und die alle Binsenweisheiten trumpft: Wie hoch schätze ich das Risiko ein, dass der Kurs fällt, verglichen zu dem erwarteten Gewinn, wenn der Kurs steigt? Welche Alternativen habe ich, mein Geld anzulegen?

Soll heißen: Wenn ich mit einem Bitcoin-Kauf 200% im Plus bin aber zu dem Schluss komme, dass ein weiterer Kursanstieg wahrscheinlich ist und ich einen Kurssturz verkraften könnte, dann hab ich eher keinen Grund zu verkaufen.

Umgekehrt heißt das aber auch: Wenn der Wert meiner Bitcoins gerade auf die Hälfte gefallen ist und ich gerade bessere Verwendung für das Geld habe, verkaufe ich. Ob ich mit einer Position gerade im Plus oder im Minus bin, spielt keine Rolle.

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Ey voll cool, es ist noch viel einfacher. Ich kann einfach eine Stop-Loss-Order machen, die automatisch verkauft, wenn die Rallye vorbei ist. Geil!

Naive Trading-Strategie Nr. 4: Advanced Orders

Die Stop-Loss-Order ist eine “advanced order”, wo ich also nicht einfach den Preis festlege, zu dem ich verkaufen will, sondern ein etwas komplizierteres Kriterium wähle. Dahinter steckt die Idee, dass es nach einer Rallye zu einem Kurseinbruch kommt und ich rechtzeitig davor verkaufen will.

Das formale Kriterium, dass den automatischen Verkauf auslöst, kann z.B. sein: wenn der Preis unter 10% des letzten Maximalwerts fällt. Warum hilft das aber auch nicht wirklich weiter? Es kann zwar genauso kommen, wie wir uns das vorstellen und die Stop-Loss-Order verhindert, dass ich meine Gewinne wieder verliere. Aber es kann auch anders kommen …

Wenn z.B. der Kurs einbricht, sodass meine Stop-Loss-Order ausgelöst wird, danach aber ein weiterer Kursanstieg stattfindet, dann wäre ich ohne die Stop-Loss-Order besser dran gewesen. Die Situation hatten wir oben bear trap genannt. Man kann also sagen: Die Stop-Loss-Order begrenzt sowohl meine potenziellen Verluste als auch meine potenziellen Gewinne.

Möglicherweise ist das genau das, was ich will. Man kann den Effekt aber auch einfacher haben, z.B. indem man einfach weniger investiert.

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Ich kenn mich jetzt mit den Orders richtig aus. Ich kann jetzt auch shorten und hebeln. Man muss nur immer die richtigen Orders setzen, dann kann man die ganze Zeit plus machen, selbst wenn die Kurse fallen.

Kurz zum Verständnis: “Shorten” heißt, auf fallende Kurse setzen. Wenn ich z.B. Geld in einer Bitcoin-Short-Position hinterlege, erziele ich Gewinne, wenn der Bitcoinkurs fällt und ich muss bezahlen, wenn der Bitcoinkurs steigt. Der Bitcoinkurs kann dabei auch so sehr steigen, dass das gesamte hinterlegte Geld aufgebraucht wird. Ich kann also meinen gesamten Einsatz verlieren. Das ist ein wichtiger Unterschied zum simplen Bitcoin Kaufen und Verkaufen, wo ich nur dann alles verliere, wenn der Bitcoinkurs auf null sinkt.

Das ist vielleicht ein günstiger Zeitpunkt, um mal grundsätzlich was zu Kevins Versuche im Trading zu sagen.

Trading ist ein Nullsummenspiel

Nullsummenspiel heißt: Es gibt Gewinne und Verluste, in Summe gleichen die sich aber aus. Entweder mach ich selber unterm Strich weder Gewinn noch Verlust, oder - was wahrscheinlicher ist - mein Gewinn ist jemand anderes Verlust und umgekehrt.

Wenn ich aber nur gewinnen kann, was jemand anderes verliert, und alle versuchen zu gewinnen und ich auch kein exklusives Geheimwissen hab … wieso sollte ich glauben, dass ich beim Trading zu den Gewinnern gehören werde?

Häh? Aber bei Bitcoin sind doch voll viele reich geworden. Wem haben die denn was weggenommen?

OK, Trading ist nicht immer ein Nullsummenspiel. Wenn ein Markt über einen längeren Zeitraum wächst, gewinnen alle Beteiligten. Das ist so passiert mit Aktien in der Nachkriegszeit. Dank eines lang anhaltenden Booms in Verbindung mit einem globalen Wachstum der Wirtschaft gehören tendenziell alle Anleger zu den Gewinnern.

Die Welt der Kryptogelder hat möglicherweise auch so einen Boom erlebt. Es kann natürlich passieren, dass auch nach eine langen Wachstumsphase wieder ein Kurssturz passiert und alle Gewinne rückgängig macht - dann ist das Nullsummenspiel wieder perfekt. Es gibt aber kein Naturgesetz, dass das passieren muss.

Die Strategien, die ich erklärt habe, sind meinem Verständnis nach aber trotzdem naiv. Um von einem boomenden Markt zu profitieren, reicht im Wesentlichen eine Strategie und die heißt buy and hold: kaufen und halten.

Du meinst HODLn. Kenn ich auch, ist aber langweilig.

Wer trotzdem mit Trading sein Glück versuchen will: Ich halte niemanden ab, es zu versuchen.

Was soll eigentlich immer dieses “naive Trading-Strategien” die ganze Zeit? Als wüsstest du alles besser als die Profis.

Ich sage ja gar nicht, dass man Trading nicht auch seriös angehen kann. Das hat dann aber nichts mehr mit schnell Geld verdienen zu tun. Vergiss also besser die Idee, durch geschicktes Trading reich zu werden.

Leute, die von Kapitalerträgen leben, investieren wohl eher ihr ohnehin großes Vermögen. Wer dabei wenig Risiko eingehen will, macht auch keine großen Sprünge. Wer sein Vermögen verdoppeln will, riskiert tendenziell auch, es zu halbieren.

Überhaupt geht es bei richtigem Trading immer darum, das Risiko seiner Positionen korrekt einzuschätzen, ein diversifiziertes Portfolio zu pflegen und allgemein neue Entwicklungen erkennen. Gute Krypto-Trader entwickeln ein Verständnis, wie die Coins funktionieren, die sie kaufen.

Laaaangweilig

Ich kenne auch erfolgreiche Trader, die auf Strategien schwören, die ich kritisch sehe. Dazu gehören die technische Analyse, statistische Modelle und schnelle Reaktion auf News und Gerüchte. Ich gehe bei Interesse gerne auch auf diese Strategien ein und erkläre meine skeptische Haltung. Es gibt darüber hinaus auch noch eine Reihe von Trader-Faustregeln, die ich gerne auf Nachfrage mal kritisch unter die Lupe nehme.

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Liebe Leser

Jeder, der Coins besitzt, ist in gewissem Maße ein Trader und hat eigene Erfahrungen gemacht. Hab ich die Lage korrekt dargestellt? Gibt es ein Thema das zu kurz kommt? Wenn dich außerdem meine Meinung interessiert - zu einer bestimmten Trading-Strategie oder einer Kaufempfehlung, stelle ich gerne meine Sicht der Dinge dar.

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