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Virtuelle Knappheit

Bitcoin

Am 31. Oktober 2008 taucht in einem E-Mail-Verteiler zu Kryptographie-Themen ein Dokument auf: “Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System”. Es ist das Bitcoin White Paper und der Autor, Satoshi Nakamoto, ist nicht weiter bekannt. Bei dem Namen handelt es sich allem Anschein nach um ein Pseudonym. Die wahre Identität des Bitcoin-Erfinders wird nie geklärt – keine der unzähligen Spekulationen ist überzeugend. Drei Jahre nach seinem Auftauchen verschwindet Nakamoto außerdem und lässt seitdem nichts mehr von sich hören.

Im Januar 2009, kurz nach der Ankündigung, veröffentlicht der Unbekannte die Software Bitcoin-Core: Ein Client für das dezentrale Bitcoin-Netzwerk. David Chaums eCash war noch Geld, das von Banken herausgegeben wurde. In einem dezentralen Netzwerk dagegen gibt es keine Bank, auch nichts Vergleichbares. Alle Teilnehmer sind gleichberechtigt: Jeder kann den Client herunterladen und anfangen, selber mit seinem Computer die ersten Bitcoins zu erzeugen. Der Prozess nennt sich Mining – in Analogie zum Abbau eines Rohstoffs im Bergbau – und wird durch das Bitcoin-Protokoll festgeschrieben. Egal wie viele User sich beim Mining beteiligen: Im Schnitt entsteht alle 10 Minuten vorerst ein Betrag von 50 Bitcoins, der Mining Reward, die Belohnung für das Mitmachen. Das Protokoll sieht außerdem vor, dass sich der Mining Reward nach einem festen Zeitplan immer wieder halbiert. So kommen mit der Zeit weniger Bitcoins in Umlauf und deren Anzahl nähert sich der Obergrenze von 21 Millionen Bitcoins. Bitcoins sind ein knappes Gut.

In einem Forumsbeitrag einen Monat nach der Veröffentlichung von Bitcoin erklärt Nakamoto, warum die Zeit reif ist für sein Kryptogeld.

Eine konventionelle Währung erfordert Vertrauen, damit sie funktioniert. Ich muss der Zentralbank vertrauen, dass diese mein Geld nicht entwertet. Heutige Währungen werden Fiatgeld genannt, von lateinisch fiat: „Es werde”. Ein Geldschein hat seinen Wert allein durch die staatlich garantierte Funktion als Tauschmittel und ist dementsprechend keine „harte Währung”. Eine Goldmünze wäre dagegen kein Fiatgeld. Die Geschichte des Fiatgeldes ist voll von Missbrauch der Zentralbankmacht, die schließlich auf Hochtouren Geld druckt – auf Kosten all derer, die es benutzen müssen. Außerdem muss ich den Banken vertrauen, die mein Geld aufbewahren und Überweisungen für mich durchführen. Doch Banken verleihen mein Geld und – mehr noch – sie verleihen ein Vielfaches der Einlagen ihrer Kunden und halten nur einen Bruchteil als Reserve vor. Das ermöglicht die Vergabe größerer Kredite und das Kapital flutet den Markt und befeuert Spekulationsblasen. Um überhaupt ein Bankkonto zu haben, muss ich meine Identität preisgeben, und wer sich erfolgreich für mich ausgibt, kann mein Konto leerräumen. Schließlich verhindern die hohen internen Kosten einer Bank, dass Kleinstbeträge wirtschaftlich verarbeitet werden können: Mikrotransaktionen werden unmöglich.

Vor nicht langer Zeit gab es ein vergleichbares Problem bei Computer-Systemen, wo mehrere User parallel einen Account haben konnten, um sich die Server-Kosten zu teilen. Die persönlichen Daten waren durch ein Passwort geschützt, doch musste ich dem Administrator vertrauen, der grundsätzlich überall Zugriff hat. Im Zweifelsfall war abzuwägen: Der Schutz meiner Privatsphäre gegenüber anderen Belangen. Seitdem es starke Verschlüsselung gibt, hat sich das geändert. Wenn ich möchte, bin ich uneingeschränkt Herr über meine Daten und kein noch so wichtiges Anliegen kann dazu genutzt werden, meine Privatsphäre zu kompromittieren. Es wird Zeit, dasselbe für Geld zu haben.

Bitcoin bedeutet sicheres Geld und aufwandsarme Transaktionen. Es ist kein Vertrauen in irgendeine Institution notwendig und es gibt auch keinen zentralen Angriffspunkt, der das System angreifbar oder erpressbar machen würde.

In den Kommentaren unter Nakamotos Artikel gibt es kritisches Feedback. Dass Bitcoin eine ernstzunehmende Währung sein will, die direkt mit dem Zentralbanksystem konkurriert, ruft Skepsis hervor. Ein Kritikpunkt wird bis heute sehr häufig vorgebracht. Bei konventionellen Währungen steuert eine Zentralbank die Geldmenge. Das ermöglicht eine relative Preisstabilität auch in einer wachsenden Volkswirtschaft. Die Menge an Bitcoins ist aber begrenzt. Wie kann Bitcoin so als Währung funktionieren? Nakamotos Antwort: Eine flexible Anpassung der umlaufenden Menge an Bitcoins ist praktisch nicht möglich, weil keine zentrale Instanz vorgesehen ist, die steuernd bei Bitcoin eingreift. Und ein eingebauter Mechanismus, der automatisch die optimale Bitcoin-Menge feststellen kann, ist schwer denkbar. Stattdessen wird Bitcoin so funktionieren wie ein begrenzter Rohstoff. Die Gesamtmenge bleibt konstant – unabhängig von der Nachfrage, stattdessen verändern sich die Preise entsprechend. Das hat als weiteren Effekt zur Folge, dass der Wert eines Bitcoins mit wachsender Nachfrage steigt. Diese Wertsteigerung soll weitere Teilnehmer anlocken, die profitieren wollen, und hilft bei der Verbreitung von Bitcoin.

Acht Jahre später wissen wir, dass Nakamoto zumindest in einem Punkt Recht behalten hat. Im Jahr 2017 hat sich der Bitcoinpreis verzehnfacht. Der Gesamtwert aller Bitcoins übersteigt den Wert der Währungen Singapurs und Venezuelas. Ein solcher Preisanstieg – oder allgemeiner: derartige Preisschwankungen – machen es praktisch unmöglich, Preise für Produkte in Bitcoin anzugeben. Der Durchbruch bei der Verwendung von Bitcoin als Tauschmittel – als Währung – lässt noch auf sich warten. Wichtig ist aber schon zu Beginn die Vision – Bitcoins claim to fame. Sollte Bitcoin eines Tages in seiner Bedeutung als globale Währung mit einer großen Landeswährung vergleichbar werden, ist ein noch größerer Wertzuwachs zu erwarten. Auch ein Wert von einer Million Euro pro Bitcoin wird vorhergesagt. Ob sich der Preis eines Tages stabilisieren wird, muss die Geschichte zeigen. Dass Bitcoins Vision auch Staaten und Regulatoren auf den Plan rufen wird, die Bitcoin eines Tages regulieren oder verbieten wollen, ist bis heute ein wichtiges Thema. Bitcoins Antwort darauf ist eindeutig. Hier weht der Geist der Cypherpunks: Ein konsequent dezentrales Netzwerk aus prinzipiell anonymen Teilnehmern, das einmal das Licht der Welt erblickt hat, bleibt bestehen – solange es seinen Usern nützt. Auch kein Staat kann etwas daran ändern. Gleichzeitig sind viele Bitcoin-User nicht anonym und wollen Bitcoin legal benutzen – ohne Versteckspiel. Das ist nur logisch, wenn Bitcoin den Weg in den Mainstream finden soll. Über diese gesetzestreuen User können Behörden Regulierung durchsetzen und Einfluss auf die Verbreitung von Bitcoin nehmen. Die Positionierung des Staates zu Bitcoin und den nachfolgenden Entwicklungen bleibt höchst relevant.

Gerade zu Anfang ist Bitcoin vor allem Spielgeld: Bitcoins existieren ohne Bezug zu Euros, Dollars oder sonstigen Werten aus der realen Welt. Ich kann sie erzeugen, aufbewahren und an andere Bitcoin-User transferieren. Ein Programmierer in Florida bietet in einem Internet-Forum 10.000 Bitcoins für den Ersten, der an seine Adresse zwei Pizzen bestellt und macht damit Geschichte: Die erste Transaktion in der realen Welt, die erste Bezahlung eines Sachwerts mit Bitcoin. Davon abgesehen ist der Wert eines Bitcoins schwer zu bemessen. Die Kosten eines Bitcoins werden 2009 erstmals berechnet – aus den Stromkosten, die einem Bitcoin-User durch das Mining entstehen: Bitcoins sind stückelbar und ein Tausendstel Bitcoin kostet zu Beginn etwa 8 Cent in US-Dollar. Im März 2010 wird auf der Website bitcoinmarket.com Kauf und Verkauf von Bitcoins gegen US-Dollar möglich. Dieser Handelsplatz ist eine unabhängige Website und verbindet Bitcoin mit der Welt der konventionellen Währungen. Aus den stattfindenden Trades lässt sich der Preis eines Bitcoins ablesen. Im Juli 2010 steigt der Preis von 0.008 US-Dollar auf 0.08 US-Dollar für einen ganzen Bitcoin.

Am 15. August 2010 verbreitet sich eine fehlerhafte Transaktion: Ein User nutzt eine Sicherheitslücke aus und kann so entgegen der Regeln des Protokolls 184 Milliarden Bitcoins aus dem Nichts erzeugen. Es ist Aufgabe des Protokolls, ungültige Transaktionen zu verhindern. Man sollte erwarten dürfen, dass der Empfänger einer Transaktion niemals mehr erhalten kann, als der Sender in die Transaktion hineingesteckt hat. Außerhalb des Minings dürfen keine Bitcoins entstehen. Der Bug wird behoben, die Transaktion wird rückgängig gemacht. Dieser Fehler soll bis heute der einzige schwerwiegende Fehler in der Implementierung des Bitcoin-Protokolls bleiben. Gleichzeitig ist der Vorfall eine Erinnerung an die virtuelle Natur der Bitcoins. Anders als bei einer Goldmünze hängt die Funktionsweise des Systems und damit der Wert der virtuellen Coins von einer programmierten Software ab.

Einen Bug im Bitcoins-Protokoll zu finden und derart auszunutzen: Ist das nicht Betrug? Die Meinungen dazu gehen auseinander. Die Forderung nach rechtlichen Schritten gegen einen böswilligen Hacker, der sich auf Kosten anderer bereichert, ist aber so oder so nicht wirkungsvoll. Nicht nur das Internet bietet viel Raum für Anonymität und entsprechend zwielichtige Aktionen. Bitcoin selber sichert seinen Usern grundsätzlich Anonymität zu, was Strafverfolgung praktisch erschwert – in der Theorie sogar unmöglich macht. Hier wird deutlich, wie Bitcoin einer komplett anderen Logik folgt als die Bankenwelt mit ihren Girokonten und Kreditkarten. Wenn es mir gelingt, den Zentralrechner meiner Sparkasse zu hacken und mir 184 Milliarden Euro auf meinem Girokonto gutzuschreiben, wird der Betrag wahrscheinlich noch am selben Tag wieder korrigiert – durch den manuellen Eingriff eines Mitarbeiters. Geld, das ich schon abgehoben hab, schulde ich der Bank. Ich muss für meine Aktion haften. In der Bitcoin-Welt gibt es keine korrigierenden Eingriffe – der Bug Fix vom 15. August 2010 war möglich, weil das Netzwerk noch klein und übersichtlich war. Es ist unklar, wie ein ähnlicher Vorfall heute ausgehen würde. Es ist aber auch festzuhalten, dass es mit jedem Tag unwahrscheinlicher wird, dass überhaupt noch ein Fehler in der Software gefunden wird. Die „Belohnung“ für einen erfolgreichen Bitcoin-Hack ist seit Jahren ein Geldwert in Millionenhöhe, doch das Bitcoin-Netzwerk tut unbescholten seinen Dienst – und anders darf es auch nicht sein: Im Bankensystem werden Fehler und Betrugsfälle im Zweifelsfall manuell ausgebügelt. Bitcoin muss dagegen unter allen Umständen funktionieren. Die Robustheit gegen alle Arten von Angriffen ist ein definierendes Merkmal des Netzwerks.

Das Interesse an Bitcoin steigt – zunächst langsam. Im Jahr 2011 akzeptiert die Enthüllungsplattform WikiLeaks Bitcoin-Spenden und kann damit eine Kontensperre umgehen. Vereinzelt beginnen Online-Händler, Bitcoin als Bezahlmethode zu akzeptieren. Die Firma BitPay vereinfacht diesen Prozess und zählt Ende 2012 über 1000 Unternehmen zu seinen Kunden. 2014 steigt der große Online-Retailer Overstock in den USA in das Geschäft ein, gefolgt vom Online-Reisebüro Expedia. Die Bitcoin-Szene verfolgt die Ereignisse in gespannter Erwartung und hat in immer kürzeren Abständen Gründe zu feiern.

Die allgemein positive Entwicklung verläuft allerdings nicht ohne Rückschläge. Der dramatischste ereignet sich Anfang 2014. Um Bitcoins zu kaufen, benutzt man zu dieser Zeit eine Website namens Mt. Gox. Wie an der Börse tummeln sich dort auch Daytrader, die auf ihr Trading-Geschick setzen und sich aus kurzfristigem Kauf und Verkauf von Bitcoins Gewinne versprechen. Mt. Gox ist nicht nur Bitcoins größter Umschlagplatz, sondern verwaltet auch eine gewaltige Summe an Bitcoins und US-Dollar-Einlagen seiner Kunden. Ende 2013 scheint es zu Problemen zu kommen und es mehren sich die Beschwerden über Verzögerungen bei Auszahlungen von Dollar-Beträgen. Anfang Februar 2014 verkündet Mt. Gox dann den offiziellen Auszahlungsstopp. Die Kunden kommen weder an ihre Bitcoins noch an ihre Dollars. Wenig später geht Mt. Gox in die Insolvenz und meldet 850.000 Bitcoins als gestohlen. Das sind zu dem Zeitpunkt 7% aller Bitcoins im Umlauf mit einem Gegenwert von 473 Millionen US-Dollar. Die genauen Umstände des Diebstahls werden nie aufgeklärt. Wahrscheinlich wurden über einen Zeitraum von mehreren Jahren unbemerkt Bitcoins gestohlen. Die Kunden werden in keinem nennenswerten Ausmaß entschädigt.

In den Folgejahren hat Bitcoin ein Image-Problem. Der unrühmliche Abgang von Mt. Gox ist ausschließlich auf grobes Missmanagement seitens der Betreiber zurückzuführen. Er hat nichts mit dem Bitcoin-Protokoll und der dezentralen Idee zu tun. Doch bleibt der Eindruck, Bitcoin sei experimentell, wackelig und hochriskant.

Davon ungeachtet gesellen sich zu Firmen, die ab sofort Bitcoin akzeptieren, prominente Namen wie Microsoft, Steam und Dell. Das generiert für die Firmen Aufmerksamkeit und dient dem Marketing, ist aber auch eine bemerkenswerte Wette auf eine experimentelle Technologie. Wer jetzt schon an die Idee des Kryptogeldes glaubt, sieht die große Vision: Banken werden überflüssig. Die Möglichkeiten, die sich mit einem virtuellen knappen Gut auftun, gehen noch darüber hinaus. Das Stichwort ist disruptive Technologie. Das Potenzial der Entwicklung ist immens. Bestehende Schwierigkeiten mit Kryptogeld – im Speziellen mit Bitcoin – werden als Geburtswehen verstanden, über die hinweggesehen werden kann. Sowohl Bitcoin selbst als auch die zugrundeliegende Technologie finden zunehmend populäre Fürsprecher. Der Google-CEO Eric Schmidt stellt im März 2014 fest:

„[Bitcoin] ist eine bemerkenswerte kryptographische Errungenschaft […]. Die Möglichkeit in der digitalen Welt etwas zu erschaffen, das nicht duplizierbar ist, hat einen gewaltigen Wert […]. Viele Menschen werden ihre Geschäftsideen darauf basieren.“

“[Bitcoin] is a remarkable cryptographic achievement […]. The ability to create something which is not duplicable in the digital world has enormous value […] Lots of people will build businesses on top of that.”

Für den möglicherweise weniger visionären Privatmann stellt sich weiterhin die Frage, welchen Vorteil Bitcoin praktisch hat. Mit PayPal, SofortÜberweisung und Kreditkarte gibt es bereits Online-Bezahlmöglichkeiten im Überfluss. Interessant wird es, wenn Geschäftsmodelle erst durch Bitcoin möglich werden. Es liegt in der Natur der Anonymität, dass der Ruf der ersten von diesen bestenfalls ambivalent ist. Mit der Möglichkeit anonym Geld zu empfangen – auch sehr kleine Beträge – startet z.B. das Online-Glücksspiel „SatoshiDice“. Hier kann ich einen Bitcoin-Betrag beispielsweise auf eine 50%-Gewinnwahrscheinlichkeit setzen, um im Erfolgsfall die Auszahlung des doppelten Betrags – abzüglich des Bankvorteils von 1% – zu erhalten. Ich bekomme den Gewinn Sekunden nach dem Einsatz direkt zurück. Das Besondere: SatoshiDice liefert auf der Website auch den Nachweis für die Fairness des Auszahlungsautomatismus. Genauso existieren inzwischen auch Websites für Online-Poker, die nachweislich fair sind und damit werben, geringere Gebühren zu verlangen als die Konkurrenten, die den Service von Visa & Co nutzen. Anfang 2011 geht außerdem der Online-Schwarzmarkt Silk Road live: Eine versteckte Website, die auf dem ersten Blick Amazon.com ähnlich sieht, nur dass ich hier allerhand illegale Dinge bestellen kann, hauptsächlich Drogen – ohne Bitcoin als anonyme Bezahlmethode wäre das unmöglich. Das FBI infiltriert Silk Road und setzt dem Treiben 2013 ein Ende. 144.000 Bitcoins werden dabei beschlagnahmt und vom FBI für insgesamt 48 Mio. US-Dollar versteigert. Seitdem kommen und gehen weitere Online-Schwarzmärkte in demselben Stil. Diese verrufenen Pioniere beweisen zumindest, das Kryptogeld eben nicht nur Spielgeld ist.

Ebenfalls in den Nachrichten: kritische Verlautbarungen offizieller Stellen zu Bitcoin. Die chinesische Zentralbank untersagt ihren Banken, Konten von Firmen zu führen, die in der Bitcoin-Branche aktiv sind. Dem ist ein langes Hin und Her vorausgegangen. Zwischenzeitlich wurde Bitcoin im chinesischem Staatsfernsehen sogar aktiv beworben. Während die genauen Beweggründe des chinesischen Regulators unklar bleiben, kommt die Maßnahme nicht vollkommen unerwartet. China wendet strikte Kapitalflusskontrollen auf konventionelle Währungen an und hatte Kryptogeld darin nicht berücksichtigt. Es zeichnet sich ab, dass Chinas Verbot zeitweilig ist und die Bitcoin-Geschäfte demnächst unter strikten Auflagen wiederaufgenommen werden dürfen. Hierzulande gibt es Warnungen an Kleinanleger: Die European Banking Authority beschreibt auf drei Seiten Risiken wie den potenziellen Kursverfall, mangelnden Käuferschutz und die Nutzung von Bitcoin für kriminelle Aktivitäten. Bangladesch, Bolivien, Ecuador, Kirgistan, Marokko und Nepal erteilen ein pauschales Bitcoin-Verbot. Andernorts bleibt der Rechtsstatus unklar.

Insgesamt ist die Bilanz aus Bitcoins erwarteten Konflikten mit dem Rechtsstaat aber positiv. Obwohl Bitcoin ohne ein Büro für Public Relations daherkommt und auch über keine einflussreiche Lobby verfügt, haben sich große Staaten weitestgehend mit dem neuen Kryptogeld arrangiert. In Deutschland hat Bitcoin ganz offiziell den Status einer Rechnungseinheit. Das bedeutet, Bitcoins sind wie eine Währung zu behandeln, ohne eine Währung zu sein – denn dazu gehört per Definition ein staatlicher Emittent. Es gibt in Deutschland große Hürden für die Erbringung von Finanzdienstleistungen, die auch Geschäftsmodelle betreffen, die auf Bitcoin bauen, aber dafür ist Kryptogeld jetzt regulatorisch eingeordnet. Infolge kommen wichtige Einigungen zwischen Regulierern und Bitcoin-Startups zustande: Der deutsche Handelsplatz Bitcoin.de tut sich 2013 mit der Fidor-Bank zusammen und geht damit als erstes Bitcoin-Unternehmen eine enge Partnerschaft mit einem etablierten Geldinstitut ein. 2016 erhält der Konkurrent Bitstamp eine EU-Lizenz als Zahlungsinstitut. Wer heute Bitcoins kaufen will, dem stehen eine Reihe professionelle, staatlich lizenzierte Handelsplätze und nutzerfreundliche Software zur Verfügung. Der amerikanische Politiker Al Gore kommentiert:

„Wenn Bitcoins in Bargeld umgetauscht werden, diese Schnittstelle muss unter gewissem regulatorischem Schutz verbleiben. Ich finde die Tatsache, dass innerhalb des Bitcoin-Universums ein Algorithmus die Regierungsfunktion ersetzt eigentlich ziemlich cool.“

“When bitcoin currency is converted from currency into cash, that interface has to remain under some regulatory safeguards. I think the fact that within the bitcoin universe an algorithm replaces the function of the government …[that] is actually pretty cool.”

Das Interesse von unterschiedlichen Seiten nimmt kontinuierlich zu. Um die Idee des dezentralen Geldes entwickelt sich die professionelle Infrastruktur kontinuierlich weiter. Das Silicon Valley hat Bitcoin zwischenzeitlich entdeckt und bewirbt auf seine eigene, optimistische Weise die neuen Möglichkeiten der Technologie. Bitcoin ist nicht mehr per se anrüchig – schmutzige Geschäfte werden schließlich auch mit Bargeld gemacht. Das Ökosystem, bestehend aus Läden und Online-Shops, die Kryptogeld akzeptieren, ist kontinuierlich angewachsen – den starken Kursschwankungen zum Trotz. Es gibt Prepaid-Kreditkarten, die ich mit dem Kryptogeld meiner Wahl aufladen kann, um ganz regulär überall zu bezahlen, wo Kreditkarte akzeptiert wird. Wer möchte, kann jetzt schon komplett auf Dollar und Euro verzichten und alle seine Ausgaben komplett in Kryptogeld machen. Das schlägt sich auch im Preis nieder. Bei praktisch allen Kryptowährungen sind gewaltige Kursgewinne zu verzeichnen. Mit jedem Kurssprung ist der Pessimist zu hören: Die Blase wird platzen! Doch über die Jahre ist Bitcoin allein zu einem 160-Milliarden-Dollar-Projekt angeschwollen. 2012 kostet ein Bitcoin noch 10 US-Dollar, 2013 folgt dann die Verzehnfachung auf 100 US-Dollar, und eine weitere Verzehnfachung auf 1000 US-Dollar im gleichen Jahr. Zwischendurch gibt es auch Kurseinbrüche, aber der Wert von 1000 US-Dollar pro Bitcoin wird seit März 2017 nicht wieder unterboten. Wer mutig war und früh eingestiegen ist, besitzt nun Bitcoins zu einem Vielfachen des ursprünglichen Wertes. Als neue Anlageform neben Aktien, Immobilien und Rohstoffen hat sich “Krypto” einen Namen gemacht.

Natürlich bestehen weiterhin Unwägbarkeiten. Die jüngsten Probleme, die bei Bitcoin aufgetaucht sind, haben direkt mit dem gestiegenen Interesse zu tun: Die hohe Anzahl von ca. 300.000 Bitcoin-Transaktionen pro Tag sprengt die Kapazität des Netzwerks in seiner aktuellen Form. Hohe Transaktionskosten und lange Wartezeiten sind die Folge, was Bitcoin als Bezahlmethode für den täglichen Gebrauch unpraktisch werden lässt. Eine Technologie, die nicht mit einer wachsenden Anzahl an Usern fertig wird, hat ein sogenanntes „Skalierungsproblem“: Bitcoins Kapazitäten können nicht entsprechend der Nachfrage vergrößert werden. Das setzt dem Hype kein Ende, aber für viele Krypto-Enthusiasten ist das ein weiterer Hinweis: Bitcoin selber ist nicht die Zukunft. Es beginnt die Suche nach Bitcoin 2.0, dem würdigen Bitcoin-Nachfolger. Die Anwärter werden Altcoins genannt und sprießen seit geraumer Zeit wie Pilze aus dem Boden.

Kryptogeld der zweiten Generation

Ende 2011, fast drei Jahre nach Bitcoin, taucht Litecoin auf. Da Bitcoin ein Open-Source-Projekt ist, steht es jedem frei, den Code zu kopieren und etwas Neues zu starten. Litecoin ist ein Bitcoin-Klon – mit leichten Modifikationen – und erschafft ein unabhängiges Netzwerk in direkter Konkurrenz zu Bitcoin. Litecoin ist auch ein Versuch, Bitcoin in technischen Aspekten zu verbessern. Wie wir in Kapitel 5 sehen werden, sind die Möglichkeiten, das Bitcoin-Protokoll zu variieren und neue Aspekte einzubringen, praktisch unerschöpflich. Wo Bitcoin von null anfangen musste, kann nun auf vergangene Erfahrungen aufgebaut werden. Es stellt sich heraus, dass es einfacher ist, ein neues Projekt – einen neuen Coin – ins Leben zu rufen, als Bitcoins Entwicklung zu beeinflussen. Es gibt keinen vorgeschriebenen Weg, in einem dezentralen Netzwerk ein Update umzusetzen. Je größer das Netzwerk, desto quälender verläuft der Prozess. Der Konsens zwischen allen Beteiligten, der im Idealfall eine reibungslose Umsetzung ermöglicht, wird praktisch nie erreicht. Die Altcoins werden Bitcoins vorgelagertes Experimentierlabor.

Hinter der Erschaffung einer neuen Kryptowährung steckt auch ein kalkulierbares Geschäftsmodell. Eine neue Kryptowährung verspricht aufs Neue schnelles Geld. Wer bei Bitcoin von Anfang an dabei war und jetzt verkauft, ist möglicherweise Millionär geworden, ohne dass dafür überhaupt ein nennenswertes Investment notwendig war. Wer selber eine Kryptowährung entwickelt, ist garantiert als erster mit dabei. Das Prinzip ist immer dasselbe: Ein virtuelles Gut, ein Coin, dessen Angebot begrenzt ist. Ich kann mir ausrechnen, dass – wenn der neue Coin nur die Hälfte oder nur ein Zehntel von Bitcoins Marktwert erreichen sollte – ich bald in Geld schwimmen werde. Es entstehen Ixcoin, IOcoin, Microcash und BBQcoin. Natürlich hat das Geschäft mit Altcoins seine Tücken. Für neue Altcoins fehlt die Infrastruktur. Gekauft wird anfangs umständlich über Internet-Foren. Besonders gewagt: der Vorverkauf. Um garantiert dabei zu sein, kaufe ich den neuen Coin schon, bevor er existiert, und vertraue dem Versprechen der Entwickler. Bezahlt wird – natürlich – in Bitcoin. Damit ein neuer Altcoin gut ankommt, ist eine überzeugende Idee gefragt – eine echte Innovation, die auf der Homepage bunt präsentiert wird und mit allen technischen Details in einem White Paper ausgeführt wird. Ein explosionsartiger Kursverlauf beim Start des Coins macht den Hype perfekt: Ein stagnierender Preis überzeugt nicht. Damit es aufwärtsgeht, kann auch nachgeholfen werden: Hier und da buttern die Altcoin-Gründer selber ihr (Bitcoin-)Kapital hinein und pushen den Kurs damit weiter. Aber nicht jeder angesagte Altcoin hat Zukunft. Häufig folgt dem Kaufrausch der Cash-Out: die schnelle Realisierung der Gewinne. Wenn es dieselben Personen waren, die am Anfang den Kurs durch Käufe hochgetrieben haben, um kurz darauf alles zu verkaufen, ist die Rede von pump and dump. Auch der Begriff „Shitcoin“ macht die Runde. Der Übergang zwischen Innovation und Betrugsschema ist fließend.

Heute existiert eine dokumentierte Liste von mehr als 1200 Altcoins. Jeder von diesen kämpft um Aufmerksamkeit für sein Konzept. Während Bitcoin Banken überflüssig machen will, bewirbt sich ein prominenter Altcoin namens Ripple als „Enterprise Blockchain Solution“ spezifisch für die Bedürfnisse großer Geldinstitute. Auf der anderen Seite wirbt Monero mit einer Verbesserung der Anonymität seiner User. Es hat sich herausgestellt, dass der typische Bitcoin-User möglicherweise weitaus mehr Informationen preisgibt, als ihm lieb ist. Anonymität ist ein Spektrum – die Details werden im Kapitel 4 verständlich. Monero ist in jedem Fall noch subversiver als Bitcoin. Dash wiederum ist ein Altcoin, der den Usern durch geregelte Abstimmungen Mitspracherecht verschafft, wenn es um die Weiterentwicklung des Altcoins geht. Damit ist Dash eine direkte Antwort auf die Schwierigkeiten, mit der die Bitcoin-Community zu kämpfen hat, wenn es darum geht, einen Konsens zu erreichen.Viele Altcoins haben neue technologische Aspekte zum ersten Mal ausprobiert und bilden bis heute ein interessantes Testfeld. Einige davon haben sich fest etabliert und sind neben Bitcoin relevant geworden. Um eine erste Übersicht in die Sache zu bringen, kann man alle Altcoins nach ihrer Marktkapitalisierung sortieren. Um die Marktkapitalisierung eines Altcoins zu berechnen, multipliziert man seinen Tauschkurs in US-Dollar mit der Gesamtzahl der Einheiten des Altcoins, die sich im Umlauf befinden. Die Marktkapitalisierung ist eine Annäherung an den Gesamtwert einer Währung. Seit Ende 2017 überschreitet die aufsummierte Marktkapitalisierung aller Altcoins den Wert von 300 Milliarden US-Dollar. Im Vergleich dazu wird die geschätzte Marktkapitalisierung von Gold mit 7 Billionen US-Dollar angegeben – das ist das 23fache. Bitcoin hat den höchsten Anteil mit ca. 50%. Der genaue Wert schwankt mit dem Tageskurs. Der nächstgrößere Altcoin, Ethereum, hat zum aktuellen Zeitpunkt knapp 15%. Unabhängig von der bunten Vielfalt, in der sich Kryptogeld heute präsentiert: Wenn man die Marktkapitalisierung zugrunde legt, gibt es einen Platzhirsch und der heißt Bitcoin. „Zurecht!“, sagen die Leute, die den Altcoins von vornherein kritisch gegenüberstanden. Keiner der Altcoins kommt in puncto realer Nutzung an Bitcoins 300.000 Transaktionen pro Tag heran – und Bitcoin hat das größte und wohl sicherste Netzwerk. Für diese „Bitcoin-Maximalisten“ steht Bitcoins Vision einer globalen Währung im Vordergrund und es gibt weder Platz noch Bedarf nach konkurrierenden Kryptowährungen. Doch auch die Gegenseite hat gute Argumente. Neben Bitcoins Skalierungsproblem wird angeführt, dass Bitcoins Netzwerk nicht nur groß und sicher ist, sondern auch teuer und nicht effizient. Weitere noch technischere Nachteile werden später deutlich. Für viele Krypto-Enthusiasten ist das Grund genug, woanders zu investieren oder die Entwicklung der Altcoins zumindest aufmerksam zu verfolgen.

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