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Von der digitalen zur dezentralen Revolution

Große technologische Entwicklungen werfen zu Beginn mehr Fragen auf, als sie beantworten. Als das Internet in den 1980er und 1990er Jahren entsteht und wächst, fragt sich so manch einer: „Was soll das bringen?“ Auch wer Ahnung von der Materie hat, kann die Frage zum damaligen Zeitpunkt nicht unbedingt zufriedenstellend beantworten. Das Internet erlaubt Computern, miteinander zu kommunizieren – aber noch die wenigsten Menschen benutzen überhaupt Computer. Niemand hat ein solches Gerät zu Hause – geschweige denn in seiner Hosentasche. Wozu also das Ganze?

Aus heutiger Sicht lässt sich eine bedeutende Parallele zu Gutenbergs Erfindung der Druckerpresse im Jahr 1440 ziehen. Zuvor hat ein Mönch Jahre damit zubringen müssen, die Bibel mühsam abzuschreiben – auf Lateinisch. Wenige Jahrzehnte später entfaltet sich in tausenden von Druckerzeugnissen eine theologische Diskussion historischen Ausmaßes. Die Druckerpresse hat ein Monopol gebrochen und ermöglicht Luther, seine Ideen unabhängig zu verbreiten und eine große Zuhörerschaft zu erreichen. Der neue Kommunikationskanal steht jedem zur Verfügung – unabhängig davon ob die Kirche mit seinem Anliegen einverstanden ist – und wird zum Katalysator der Reformation.

Heutzutage hat ein einzelner Blogger Dank des Internets die Möglichkeit tausende, zehntausende oder Millionen von Menschen zu erreichen. Politischer Aktivismus wird wie selbstverständlich online organisiert. Facebook, YouTube und Twitter bilden die sozialen Medien und untergraben den Einfluss von Zeitungen und Fernsehen. Daran entlädt sich auch Kritik: Facebook ist in den Augen vieler schlicht Zeitverschwendung, Twitter-Kurznachrichten sind größtenteils Nichtigkeiten aus dem Leben von Möchtegern-Promis, der Wahrheitsgehalt von Nachrichten aus dem Internet sei allgemein eher fragwürdig. Doch das Urteil erfolgt verfrüht – hinter der Informationsflut aus dem Internet verbirgt sich eine größere Entwicklung. Wir werden anhand von konkreten Beispielen sehen, dass das Internet mehr zu bieten hat als Facebook, YouTube und Twitter.

Um die Entwicklung zu verstehen, lohnt sich der Blick auf die Möglichkeiten, die die neue Technologie eröffnet. Im Internet wird längst schon nicht mehr nur kommuniziert, sondern kollaboriert – und zwar global und im Zweifelsfall auch anonym. Die Anonymität macht das Internet zu einem potenziell zwielichtigen Ort – mit eingeschränktem rechtsstaatlichen Zugriff. Allgemeiner ist das Internet einfach ein virtueller Raum, der seinen eigenen Regeln folgt. Im Internet kann ich mich neuerfinden und gezielt eine Online-Identität aufbauen und Pseudonyme pflegen. Eine überwältigende Anzahl rechtschaffender Internet-User weiß den neugewonnenen Freiraum zu schätzen und auch zu verteidigen. Es offenbart sich ein entscheidender Aspekt des Internets, den wir genauer anschauen werden: Sein kreatives Potenzial entfaltet sich abseits der etablierten Regeln und Konventionen der realen Welt. Noch interessanter wird es schließlich dort, wo im kreativen Chaos – mitunter spontan – ordnende Mechanismen entstehen.

Kryptogeld ist ein Kind des Internets. Die Ideen und Ansätze gehen auf die ersten Jahre des Internets zurück. Mit den erweiterten Möglichkeiten, online zusammenzuarbeiten, entsteht auch der Bedarf, zu kaufen, zu tauschen und zu handeln. Wer Online-Spiele kennt, weiß, dass auch für virtuelle Güter ein Markt existiert. Für eine mächtige Rüstung in der Spielwert von „Diablo 2“ fließt noch heute reales Geld. Doch es gibt einen Konflikt: Das Internet scheint nicht gut geeignet zu sein für Geldangelegenheiten. Wir reden von dem Ort, an dem nahezu grenzenlos illegal kopiert wird, weil dem Rechtsstaat bis heute die Möglichkeiten zum konsequenten Durchgriff fehlen. Mit realem Geld will ich hier nur bezahlen, wenn ich weiß, dass die Gegenseite vertrauenswürdig ist – wenn es sich um ein seriöses Geschäft handelt, das auch in der realen Welt existiert, und die Datenleitung gegen Hacker geschützt ist. Dementsprechend mühsam war auch die Computerisierung für die Banken: Aus schriftlich geführten Girokonten wurden Einträge in elektronischen Datenbanken. Diese müssen nun aber gegen Angriffe aus dem Internet geschützt werden – das ist der Preis für das bequeme Online-Banking von zu Hause aus. Das Internet präsentiert sich als Kommunikationskanal mit Schwächen. Das beständige Sicherheitsrisiko bei Geldangelegenheiten droht mögliche Vorteile zunichte zu machen.

Mit der Erfindung von Bitcoin am 31. Oktober 2008 hat sich diese Gleichung grundsätzlich geändert. Ende 2008 wird Geld im Internet neu erfunden. Kryptogeld verspricht globale, anonyme Bezahlung – ohne Mittelsmann – und stößt eine neue Entwicklung an. Die Möglichkeiten für Kollaboration werden ein weiteres Mal ausgeweitet. Es folgt sowohl Begeisterung als auch Kontroverse. Im Folgenden schauen wir uns die die Geschichte des Internets genau an, wie sie in Kryptogeld mündet und was schon über Kryptogeld hinaus passiert ist.

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