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Womit wir es zu tun haben: Bitcoin, Blockchain, dezentrale Anwendungen

Fünf Tausendstel Bitcoins für eine Kürbissuppe

Dezember 2013, es ist Winter in Hamburg. Ich laufe über den Weihnachtsmarkt im Schanzenviertel und suche den Stand von Fabian, über den ich im Internet gelesen habe. Fabian verkauft hier vegane Kost und macht Werbung für sein Catering-Business. In dem nasskalten Wetter bestelle ich eine warme Kürbissuppe. Ich bin kein Veganer und hätte auch Hühnersuppe genommen – der Grund meines Besuchs ist ein anderer. Der Preis für die Suppe beträgt 4,50 Euro. Ich weiß nicht, ob ich genug Bargeld dabeihabe, werde das aber auch nicht brauchen. Stattdessen hält Fabian mir sein iPhone hin, das einen schwarz-weißen QR-Code anzeigt. Auf meinem Smartphone ist die App “Mycelium” installiert. Damit scanne ich den QR-Code und werde um Bestätigung für die Zahlung von 0,005 BTC gebeten. Kurz darauf erhält Fabian die Nachricht: Zahlung erhalten. Ihm wurden soeben fünf Tausendstel eines Bitcoins gutgeschrieben.

Der Marktpreis eines Bitcoins hatte an diesem Tag den historischen Höchststand von 900 Euro erreicht. Der Moment wird auf Foto festgehalten und in den sozialen Medien verbreitet: Ich habe heute, am 2. Dezember 2013, eine Kürbissuppe gekauft und in Bitcoins bezahlt. Denn Fabian und ich teilen eine Überzeugung: Bitcoin ist die Zukunft und wir sind vorne mit dabei.

Bitcoin lässt sich am Einfachsten verstehen als ein Internet-Bezahlsystem, das mit einer eigenen, internen Währung funktioniert. Auf der ganzen Welt benutzen Leute Bitcoins wie Geld: Um Dinge zu kaufen und zu verkaufen, um Beträge über Ländergrenzen zu verschicken, um an Organisationen zu spenden oder auch um sich etwas zu leihen und später zurückzuzahlen. Für die Bezahlung von Fabians Suppe haben wir das Internet und das Bitcoin-Protokoll benutzt. Unsere Zahlung lief nicht durch die Hände einer Firma, sondern geschah peer-to-peer, von mir direkt zu Fabian. Wer per Bitcoin bezahlt, braucht nicht einmal eine sichere Internetverbindung, weil die Transaktion selber keine sensiblen Daten enthält und prinzipiell öffentlich ist – ganz im Gegenteil zur Bezahlung per Kreditkarte. Fabian muss, um Bitcoin an seinem Stand akzeptieren zu können, lediglich eine entsprechende App herunterladen – von diesen gibt es viele von unabhängigen Anbietern. Er ist dazu auch nirgends registriert. Wenn ich im Nachhinein nicht mit der Bezahlung einverstanden bin, habe ich umgekehrt aber auch keine Handhabe. Die Zahlung ist final. Bei PayPal gibt es einen Service für die Schlichtung von Konflikten und eine Käuferschutz-Policy, die es erlaubt Zahlungen rückgängig zu machen. Bitcoin ist dagegen Bargeld – digitales Bargeld, ohne Mittelsmann.

Was Bitcoin ist

Bitcoin ist außerdem Kryptogeld. Bitcoins werden nicht von Zentralbanken herausgegeben und nicht auf Girokonten von Banken verwaltet. Bitcoins sind nirgends gesetzliches Zahlungsmittel – es besteht kein Recht darauf, Verbindlichkeiten in Bitcoin begleichen zu dürfen. Anders als beim Euro oder beim Pfund steht hinter dem Wert eines Bitcoins keine Volkswirtschaft und auch kein politisches Versprechen. Stattdessen werden Bitcoins auf Handelsplätzen frei gegen diverse konventionelle Währungen getauscht und der Preis eines Bitcoins ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. Woher bekommen die Bitcoins also ihren Wert? Bitcoin als neuartiges Bezahlsystem hat einen Nutzen und wenn ich dieses Bezahlsystem benutzen will, muss ich erst die interne Währung – Bitcoins eben – kaufen. Weil die Gesamtmenge aller Bitcoins im Umlauf begrenzt ist, treibt die Nachfrage nach Bitcoins den Preis nach oben.

Durch den begrenzten Vorrat bietet es sich an, von „digitalem Gold” zu sprechen. Gold ist ein begrenzter Rohstoff, ebenso sind Bitcoins ein knappes Gut. Gold hat allerdings auch einen Wert als Material, zum Beispiel für Schmuck oder besonders leitfähige Klinkenstecker. Bitcoins haben ihren Wert nur durch ihre Funktion im Bezahlsystem – sind dafür aber wesentlich praktischer als Gold. Um Bitcoins sicher aufzubewahren, brauche ich keinen Safe – typischerweise verwendet man seinen PC, ein Smartphone oder auch ein Blatt Papier, auf dem ein Code notiert ist. Wenn ich Angst habe, meine Bitcoins zu verlieren, kann ich beliebig viele Backups anlegen. Für den Transport von Bitcoins reicht ein Zettel oder ein gutes Gedächtnis. Der Transfer beliebig großer Bitcoin-Beträge ist in etwa so aufwendig wie das Verschicken einer E-Mail und erreicht genauso einfach wie eine E-Mail den Empfänger irgendwo auf einem anderen Kontinent. Wer Bitcoin benutzt, vertraut zu keinem Zeitpunkt einer Institution, sondern stattdessen einer Software und den kryptographischen Algorithmen, die darin Anwendung finden. Bitcoins sind zudem virtuell. Weder existieren Bitcoins in physischer Form als Münzen, noch sollte ich mir einen Bitcoin zu konkret als digitales Objekt vorstellen. Das einzige, was konkret existiert, sind Transaktionen im Bitcoin-Netzwerk, die den Transfer und Besitz von Bitcoin-Beträgen dokumentieren.

Eine Bitcoin-Transaktion ist nicht kostenlos. Eine Vielzahl unabhängiger Computer bilden zusammen das Bitcoin-Netzwerk und verarbeiten Transaktionen typischerweise nur, wenn darin ein Transaktionsentgelt in ausreichender Höhe hinterlegt ist. Marktübliche Transaktionsentgelte schwanken stark abhängig vom Zustand des Netzwerks. Werte von wenigen Cents bis zu mehreren Euros sind bereits vorgekommen. Dieselben Computer, die Transaktionen verarbeiten, erhalten auch als erste die frischen Bitcoins, die in Umlauf kommen, bis die maximale Gesamtmenge von 21 Millionen erreicht ist. In Analogie zur Gewinnung eines Rohstoffs im Bergbau spricht man vom Mining und von den Computern als Minern. Sobald alle Bitcoins im Umlauf sind, finanzieren sich die Miner ausschließlich aus den Transaktionsentgelten.

Die noch größere Entwicklung

Die technische Innovation, auf der Bitcoin basiert, ist unter der Bezeichnung Blockchain bekannt geworden. Die Blockchain ist eine auf mehreren Computern verteilt vorliegende Datenbank mit einem internen Mechanismus, der es erlaubt, Daten gemäß definierten Regeln hinzuzufügen aber nicht nachträglich zu ändern. Im Fall von Bitcoin dient die Blockchain als ein nicht manipulierbares Buchhaltungssystem. Weil diese Technologie der Welt frei zur Verfügung steht, hat Bitcoin diverse weitere Projekte inspiriert. Diese Projekte werden bisweilen Altcoins („alternative Coins“) genannt und es gibt neben einfachen Bitcoin-Kopien auch substanzielle Weiterentwicklungen. Nicht jeder Altcoin ist einfach eine weitere Kryptowährung. Stattdessen ist Blockchain-Technologie in weitere Bereiche jenseits der Geld-Thematik vorgestoßen und man spricht nun allgemein von den sogenannten dezentralen Anwendungen. Viele bleiben zwar von der Grundidee her finanzielle Anwendungen und profitieren von ähnlichen Mechanismen wie Bitcoin: virtuelle Knappheit und Preisanstieg bei wachsender Nachfrage. Andere sind jedoch nicht-finanzieller Natur und eröffnen neue Lösungswege in ganz unterschiedlichen Feldern. Blockchain-Technologie wird erprobt für IT-Systeme – unter anderem im Finanzwesen, wo in kurzer Zeit eine hohe Zahl von Geschäften abgewickelt werden muss und kein Fehler passieren darf. Auch Car Sharing lässt sich über eine Blockchain geschickt realisieren – mit dem Versprechen ein günstigeres und transparentes Angebot zu schaffen. Weitere Anwendungsbeispiele sind eine kommerzielle Musik-Download-Plattform und – wenngleich nur experimentell – Schwedens Grundbuch und sichere, papierlose demokratische Abstimmungen.

Der Weg zum Verständnis der größeren Entwicklung um dezentrale Anwendungen führt über Bitcoins Blockchain. Wer Marketing-Hype und Buzzwords durchschauen will, muss lernen, was die Blockchain eigentlich ist und was sie kann. Täglich tauchen neue Blockchain-Projekte auf und die neuen Anwendungsmöglichkeiten wirken unerschöpflich. An anderer Stelle wird maßlos übertrieben und nichts als heiße Luft produziert.

Lies weiter über die Geschichte der Idee und womit es alles angefangen hat. Lerne den praktischen Umgang mit Kryptogeld z.B. wenn du kaufen willst – auch als Investition. Und folge deinem Interesse hinein in zunehmend technische Fragestellungen, um schließlich alle zugrundliegenden Mechanismen zu verstehen.

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